Wenn WENIG auf einmal VIEL ist
„Ich muss raus. Weg hier. Das ist mir alles zu viel.“ Dann packt Eine oder Einer den Rucksack und macht sich auf den Weg. Nicht selten ist es in unseren Breiten der Ökumenische Pilgerweg, der irgendwann bis nach Santiago de Compostela führen könnte.
Schon am ersten Tag machen Pilger dabei eine überraschende Erfahrung: Ein Bett, eine Dusche, ein gefüllter Kühlschrank, eine Pfanne auf der Kochplatte – das reicht auf einmal völlig aus. Ein Kaffee, etwas Süßes, ein kühles Radler werden geradezu als paradiesischer Zustand erlebt.
Die hohen Ansprüche, die sonst begleiten, sind für einen Moment einfach weg. WENIG reicht auf einmal und ist mehr als genug: „Ach, schön. Danke!“
Die Erfahrung „WENIGER reicht für viel mehr“ begegnet den Pilgern auch in der Pilgerherberge auf dem Arnsdorfer Pfarrhof und der benachbarten 775 Jahre alten Kirche. Schutzpatronin dieser spätromanischen Dorfkirche ist die Heilige Katharina von Alexandrien.
Seit dem 27. Juli 2026 ist der Heiligen Katharina in der Arnsdorfer Kirche eine Ausstellung unter der Überschrift „Katharinas Erbinnen“ gewidmet. Zu entdecken sind Frauen, die sich für ihre Gemeinde, ihren christlichen Glauben, für die kleinen Selbstverständlichkeiten und Freundlichkeiten vor Ort, für Kultur und für offene Kirchen engagieren.
Auch das ist eine Form von „wenig, das viel ist“: kein großes Aufsehen, keine Schlagzeilen – sondern treue, oft unscheinbare Hingabe, die einen Ort trägt und schützt und Geschichte(n) hinterlässt.
In den sächsischen Sommerferien stoßen wir möglicherweise auf ein Bibelwort, das diese Gedanken noch einmal wendet: „Wem viel gegeben ist, bei dem wird man viel suchen; und wem viel anvertraut ist, von dem wird man umso mehr fordern.“ (Lukas 12,48)
Wo die Pilgererfahrung zeigt, wie wenig reichen kann, erinnert uns dieses Wort daran: Was uns anvertraut ist – und sei es scheinbar wenig – das trägt eine große Verantwortung in sich. Nicht als Last, sondern als Einladung, aufmerksam mit dem umzugehen, was wir haben.
Notabene: Gottes Gerechtigkeit misst anders, als wir es gewohnt sind. Sie fragt nicht: Haben alle gleich viel bekommen? Sie fragt: Was machen wir aus dem, was uns gegeben ist?Das ist eine befreiende Umkehrung. Wir müssen nicht alles haben, um genug zu haben. Wir müssen treu sein mit dem, was uns anvertraut ist – ob das ein voller Rucksack, ein wenig gefüllter Kühlschrank oder ein kleiner Dienst an unserem Ort ist. Ich kann mich auch einfach bei den nächsten Schritten fragen: Was in meinem Leben ist gerade „wenig“ – und könnte doch mehr als genug sein? Oder wofür bin ich verantwortlich, auch wenn es mir unbedeutend vorkommt.
Andreas Fünfstück
Pfarrer in der Ev. Gesamtkirchengemeinde Waldhufen-Vierkirchen









