Ich stehe in der römisch-katholischen Stiftskirche St. Marien in Neuzelle und weiß zunächst gar nicht, wohin ich schauen soll. Überall gibt es etwas zu entdecken: Gold, Bilder, Figuren, marmorierte Flächen, Säulen. Es sind so viele Details, dass das Auge kaum zur Ruhe kommt.
Und doch verschwinden die Einzelheiten nicht im Chaos. Im Gegenteil. Es gibt eine klare Blickrichtung. Die Säulen mit den Nebenaltären weisen die Schauenden auf den Hauptaltar hin. Es ist, als liefe alles auf ein Herzstück zu.
Zu Füßen des Marienaltars entdecke ich eine kleine Szene. Drei Männer sitzen an einem Tisch. Der in ihrer Mitte teilt das Brot. Die Geschichte ist in vielen Bibeln mit „Die Emmausjünger“ überschrieben. Ja, es ist ein Herzstück. Dort werden Menschen zu Sehenden. Dort werden ihnen die Augen geöffnet. Dort beginnt etwas, das sie glauben lässt.
Später stehe ich vor dem Hochaltar, drehe mich um und blicke in den Kirchenraum. Plötzlich ist da etwas ganz anderes. Der Raum öffnet sich. Die Kirche scheint sich zu weiten. Was gerade noch auf einen Punkt ausgerichtet war, wird im Gegenblick groß und offen.
Dieses Erleben begleitet mich seitdem und ich frage mich: Was bildet eigentlich das Herzstück meines Glaubens?
Die Frage kreist in mir, während der Bus längst wieder durch die Landschaft fährt. Dabei denke ich an Menschen, die mir von ihrem Glauben erzählt haben. Davon, welche Lieder sie tragen. Welche Gemeinschaft sie stärkt. Welche Psalmenworte aufrichten oder tiefsten Dank zum Ausdruck bringen. Welche Menschen sie im Herzen berühren und sie Gott spüren lassen.
Sie alle teilen eine Erfahrung: Zuerst hat etwas zu ihnen gesprochen, bevor sie selbst davon erzählen konnten. Zuerst wurde ihr Herz bewegt. Erst danach fanden sie Worte dafür.
Bei mir ist es nicht anders. Gottes Wort trifft mich immer wieder neu. In Lesungen, im Gesang, in Bildern, in Begegnungen und in der Natur. Ich höre, sehe, fühle und nehme auf.
Manches begleitet mich nur für einen Augenblick. Anderes bleibt. Es arbeitet in mir weiter, verbindet sich mit Erfahrungen, wächst und gewinnt Bedeutung.
Und irgendwann merke ich: Das, was mich berührt hat, möchte weitergegeben werden. Dann erzähle ich von dem, was ich von Gott gelernt habe. Von dem, was ich mit Gott erlebt habe. Das Herz quillt über und der Glaube findet seinen Ausdruck.
Wie ist das bei Dir?
Was spricht in das Herzstück Deines Glaubens? Was berührt Dich so sehr, dass Dein Blick geweitet wird? Und was davon möchtest Du mit anderen teilen?
Pfarrerin Katharina Ende
Pfarrerin im Evangelischen Kirchenkreis Schlesische Oberlausitz









