Kirchenmusikdirektor und Kreiskantor Reinhard Seeliger blickt auf seinen Weg zur Musik und zur Kirchenmusik zurück.
Wann begann Ihre Leidenschaft für Musik?
Meine Leidenschaft für Musik begann sehr früh. Ich stamme aus einem musikalischen Elternhaus. Meine Eltern hörten viel klassische Musik, beide spielten Klavier, ebenso meine Großmutter. Mein Großvater war Geiger. Musik gehörte bei uns selbstverständlich zum Alltag.
Meine Eltern waren der Meinung, dass ich in der Schule unterfordert sei, und so begann ich bereits in der ersten Klasse gleichzeitig mit Geigen- und Klavierunterricht. Die Geige konnte mich allerdings nicht wirklich begeistern – ich konzentrierte mich sehr schnell ganz auf das Klavier. Nach einem Jahr Privatunterricht wechselte ich an die Musikschule in Lobenstein in Thüringen, meiner Heimatstadt. In der DDR war die musikalische Ausbildung dort sehr solide und anspruchsvoll.
Wie kamen Sie zur Orgel?
Als ich 13 Jahre alt war, ergab sich eine besondere Gelegenheit: In meiner Heimatgemeinde musste die damalige Organistin aus gesundheitlichen Gründen aufhören. Der Pfarrer fragte mich, ob ich mir vorstellen könne, den Orgeldienst im Gottesdienst zu übernehmen. Das war eine große Herausforderung – aber eine, die ich sehr gerne angenommen habe.
Von diesem Zeitpunkt an spielte ich bis zum Abitur an nahezu jedem Sonntag ein oder sogar zwei Gottesdienste. Zusätzlich gründete ich in meiner Gemeinde einen Kinderchor. Die Verbindung von Musik, Gemeinschaft und Gottesdienst hat mich schon damals sehr geprägt.
Wie sind Sie zum Studium gekommen?
Eigentlich wollte ich Sprachen studieren – Arabistik, Romanistik, Skandinavistik oder Sinologie. Sprachen fielen mir immer leicht, und ich hatte großes Interesse an anderen Kulturen.
In der DDR war ein solches Studium jedoch stark von der politischen Einstellung abhängig. Ohne entsprechende Voraussetzungen hätte es kaum berufliche Perspektiven gegeben. So entschied ich mich spontan für ein Studium der Kirchenmusik an der Musikhochschule in Weimar.
In der DDR galt kirchliches Engagement als eine Form stiller Opposition. Dennoch war diese Entscheidung für mich absolut richtig. Ursprünglich wollte ich Kirchenmusik nur als Hobby betreiben – dass sie schließlich mein Beruf wurde, ergab sich erst im Laufe der Zeit.
Was hat Sie als junger Musiker in Weimar am meisten geprägt – ein Lehrer, ein Werk oder ein Ort?
Vor allem mein Orgellehrer. Er war mein großes Vorbild. Johannes Schäfer hieß er, ein sehr berühmter Organist. Er hat viele Konzerte im In- und Ausland gespielt und war Organist an der Predigerkirche in Erfurt. Außerdem hat er in Weimar und Halle Orgel unterrichtet.
Er hat mich sehr geprägt – seine Art, Orgel zu spielen, seine musikalische Haltung.
Was werden Sie in Ihrem Beruf am meisten vermissen?
Vermissen werde ich sicher die intensive Arbeit mit den Chören und Orchestern. Diese Aufgaben gehen jetzt größtenteils an meinen Nachfolger über. Er übernimmt die Chöre und die großen Konzerte.
Das Orgelspielen selbst muss ich aber nicht aufgeben. Im Gegenteil: Ich werde jetzt sogar mehr Zeit haben, Orgel zu spielen, zu üben und Konzerte zu geben. Besonders freue ich mich darüber, dass ich weiterhin an der Sonnenorgel in der Peterskirche spielen kann – für dieses Instrument habe ich mich mein ganzes Berufsleben lang eingesetzt.
Mit einigen meiner Sänger – und Musikerkollegen sowie mit Projektchören werde ich auch weiterhin Kammerkonzerte machen können. In mancher Hinsicht ist jetzt sogar mehr möglich als früher.
Ist die Görlitzer Sonnenorgel das beeindruckendste Instrument, auf dem Sie je gespielt haben – oder gibt es andere, die Sie ebenso geprägt haben?
Als ich nach Görlitz kam, gab es die Sonnenorgel noch gar nicht. Es existierte nur das Orgelgehäuse. Die Peterskirche war zwar prächtig, aber es gab kein funktionierendes Instrument.
Ich bekam die Aufgabe, dort eine neue Orgel bauen zu lassen. Dabei hatte ich große Freiheit: Ich konnte mir überlegen, wie die Orgel klingen sollte, welche Register sie haben sollte, wie groß sie werden müsste und welche Firma sie bauen sollte.
Es gab Widerstände, weil meine Vorstellungen sehr anspruchsvoll waren. Aber letztlich ist alles so gebaut worden, wie ich es mir vorgestellt habe. Auch das Geld für die Orgel habe ich über viele Jahre hinweg durch Konzerte und Engagement eingeworben.
Ich habe auf sehr vielen Orgeln auf der ganzen Welt gespielt. Aber nur selten sage ich, dass eine Orgel fast so schön oder genauso schön ist wie die Görlitzer Sonnenorgel. Auf einer Orgel, die man selbst mitkonzipiert hat, spielt man natürlich am liebsten.
Sie haben weltweit konzertiert. Wie unterscheiden sich die Publika?
Die Unterschiede sind enorm. In den USA, besonders in Ferienregionen wie Florida, herrscht oft Volksfeststimmung. Das Publikum ist sehr begeistert, aber nicht immer besonders musikaffin. In Metropolen wie New York ist das ganz anders.
In Polen sind Orgelkonzerte hervorragend organisiert. Oft gibt es eine fachkundige Moderation durch Musikwissenschaftler, und die Kirchen sind voll. Das kenne ich aus Deutschland kaum.
Auch in Russland, Tschechien oder Ungarn habe ich ein sehr sachverständiges und begeisterungsfähiges Publikum erlebt. Frankreich beeindruckt durch seine große Orgeltradition und historische Instrumente, auf denen bereits Komponisten wie Franck, Widor oder Messiaen gespielt haben.
Wie hat sich die Kirchenmusik im Laufe Ihrer Zeit verändert?
Als ich 1985 nach Görlitz kam, hatte nahezu jede Kirche einen hauptamtlichen Kirchenmusiker, teils sogar mehrere. Nach der Wende stiegen die Gehälter, und viele Gemeinden konnten sich diese Stellen nicht mehr leisten.
Heute arbeiten viele Ehrenamtliche oder nebenberufliche Musiker. Kirchenmusik ist dadurch nicht ärmer geworden, aber sie ist anders geworden. Sie erfordert mehr Flexibilität und Organisation.
Welche Eigenschaften braucht ein zukünftiger Kirchenmusiker?
Kirchenmusiker müssen mit Menschen aller Generationen umgehen können – mit Kindern, Jugendlichen, Erwachsenen und Senioren. Sie müssen kommunikativ sein, seelsorgerlich zuhören können und die stimmlichen Möglichkeiten der Chorsänger respektieren.
Heute wird oft erwartet, dass Kirchenmusiker musikalische Allrounder sind – von Alter Musik über Klassik bis Pop. Das kann kaum jemand vollständig leisten. Wichtig ist, die eigenen Stärken zu kennen und ehrlich mit ihnen umzugehen.
Wie stehen Sie zu modernen Keyboards im Vergleich zur klassischen Orgel? Können digitale Instrumente eine Pfeifenorgel ersetzen?
Ich spiele gelegentlich auch auf digitalen Instrumenten. Diese haben sich technisch sehr stark weiterentwickelt und sind heute oft erstaunlich gut. In der Peterskirche haben wir zum Beispiel eine große amerikanische elektronische Orgel im Altarraum. Damit kann man Chöre und Instrumente begleiten, und der Klang ist täuschend echt.
Viele Menschen fragen mich, ob ich gerade auf der Sonnenorgel oder auf der digitalen Orgel gespielt habe. Das zeigt, wie gut diese Instrumente inzwischen geworden sind. Trotzdem werden elektronische Orgeln die echte Pfeifenorgel niemals ersetzen.
Die Pfeifenorgel ist ein lebendiges Instrument und ein jahrhundertealtes Kulturerbe. Ich hoffe sehr, dass diese Orgeln erhalten, gepflegt und gewartet werden – auch wenn das deutlich teurer ist als ein elektronisches Instrument anzuschaffen.
Warum haben Sie sich bewusst für die Kirchenmusik entschieden?
Ich bin atheistisch aufgewachsen und habe selbst den Weg zur Kirche gesucht. Mit 14 Jahren ließ ich mich taufen und konfirmieren – und spielte dabei bereits Orgel.
Nach dem Studium hätte ich auch besser bezahlte Wege einschlagen können. Ich habe mich bewusst für die Kirche entschieden, weil ich dort das Gefühl hatte, gebraucht zu werden. Diese Entscheidung habe ich nie bereut.
Zu welchen Komponisten kehren Sie immer wieder zurück?
Bach. Das kann man eigentlich mit einem Wort beantworten. An Johann Sebastian Bach kommt kein Kirchenmusiker vorbei. Er ist der wichtigste – nicht nur für evangelische, sondern auch für katholische Kirchenmusiker.
Daneben schätze ich sehr Felix Mendelssohn, Max Reger, Franz Liszt und auch moderne Komponisten wie Olivier Messiaen.
Welche Musik begleitet Sie privat?
Ich höre zu Hause sehr selten Musik. Im Radio höre ich meistens Nachrichten oder Podcasts, aber kaum Musik. Wenn ich Musik höre, dann sehr gezielt – etwa ein bestimmtes Stück, das ich näher kennenlernen möchte, oder gute Konzertübertragungen im Fernsehen, Opern oder Oratorien.
Ich brauche keine Musik, die den ganzen Tag im Hintergrund läuft. Bei mir zu Hause ist es eher still, mit wenig Musik.
Welche Wünsche haben Sie für Ihren Nachfolger?
Ich bin sehr glücklich, dass mein Nachfolger die Verhältnisse hier gut kennt – im Kirchenkreis, in den Gemeinden, bei den Kollegen und Chören. Er kennt die Orgeln, besonders auch „meine“ Orgel, und er kann sehr gut Orgel spielen.
Ich habe ein gutes Gefühl, dass das, was ich in 40 Jahren aufgebaut habe, nicht verloren geht. Natürlich wird es neue Impulse geben, und das ist auch gut so.
Oft werde ich gefragt, ob ich nach dem Ruhestand in Görlitz bleibe oder weggehe. Ich sage dann: Das hängt davon ab, wie mein Nachfolger arbeitet. Mit diesem Nachfolger bleibe ich sehr gern in Görlitz. Ich freue mich darauf zu sehen, was er musikalisch in den Gemeinden, im Kirchenkreis und mit dem Bachchor machen wird. Er wird das gut machen.
Danke für das Gespräch.
Kirchenmusikdirektor und Kreiskantor Reinhard Seeliger wird am kommenden Donnerstag, dem 22. Januar, um 19:30 Uhr in der Evangelischen Kreuzkirche in Görlitz in den Ruhestand verabschiedet.
Das Gespräch mit Herrn Seeliger führte Malgorzata Pyzik.









