Interview mit Pfarrerin i. R. Petra Edith Pietz, Projektkoordinatorin

Was macht die Bethel Society im Libanon – und warum ist Ihnen diese Arbeit wichtig?
Die Bethel Society unterstützt im Raum Beirut, insbesondere auch in den umliegenden Dörfern, ältere Menschen. Sie werden mit Lebensmitteln und Medikamenten versorgt, und es werden regelmäßige Treffen organisiert, bei denen ältere Menschen zusammenkommen können. Dabei spielt auch der christliche Glaube eine wichtige Rolle: Die ehrenamtliche Mitarbeiterin Marie Maalouli ist Christin, und der Verein Bethel Society ist aus einer christlichen Motivation heraus gegründet worden. Auch die Vorstandsmitglieder und viele Freundinnen und Freunde des Vereins sind Christen.
Die Hilfe kommt jedoch allen Menschen zugute, die Unterstützung brauchen – unabhängig davon, ob sie Christen, Muslime oder Drusen sind. Das ist besonders wichtig, weil das soziale Gefüge im Libanon durch die vielen Krisen der letzten 30 Jahre weitgehend zusammengebrochen ist. Es gibt kaum eine funktionierende medizinische Versorgung, keine verlässlichen Rentenzahlungen, die Banken sind bankrott und ein funktionierendes Banksystem existiert praktisch nicht mehr. Viele Menschen müssen von Tag zu Tag sehen, wie sie überleben.
Besonders betroffen sind ältere Menschen. Sie sind oft in ihrer Mobilität eingeschränkt und leben allein. Früher funktionierende familiäre Strukturen – in denen Kinder ihre Eltern versorgt haben – bestehen kaum noch, da viele junge und arbeitsfähige Libanesinnen und Libanesen ausgewandert sind. Große libanesische Communities leben heute unter anderem in Brasilien, Frankreich und zunehmend auch in Deutschland. Zurückgeblieben sind vor allem ältere Menschen und Menschen mit Behinderungen – oft die sozial Schwächsten der Gesellschaft.
Wie ist die Zusammenarbeit zwischen dem Kirchenkreis und der Bethel Society entstanden?
Der Kontakt zur Bethel Society entstand im Rahmen der Weltgebetstagsarbeit in den Jahren 2001 und 2002. Damals habe ich selbst die Frauen- und Familienarbeit in der Schlesischen Oberlausitz geleitet. 2002 reisten wir mit einer Gruppe in den Libanon und lernten dort Marie Maalouli kennen. Nach dieser Reise besuchte sie unseren Kirchenkreis, war in verschiedenen Gemeinden sowie bei der Diakonie – unter anderem im Martinshof – zu Gast und lernte dort die Arbeit mit älteren Menschen kennen.
Dabei wurde ihr deutlich, dass ältere Menschen in ihrem Heimatland oft am Rand der Gesellschaft stehen. Sie entwickelte den Wunsch, mit der Bethel Society etwas Ähnliches wie einen ambulanten Dienst für ältere Menschen aufzubauen – natürlich in viel kleinerem Umfang als in Deutschland, wo Altenhilfe durch Steuergelder und Umlagen finanziert wird. Im Libanon ist das nicht möglich. Marie Maalouli finanziert die Arbeit ausschließlich durch Freundschaftsbeiträge und Spenden.
Mir war wichtig, dass diese Unterstützung nicht als rein private Initiative wahrgenommen wird, sondern an einen Kontakt anknüpft, der vor über 20 Jahren entstanden ist und heute vom Kirchenkreis mitgetragen wird.
Wie begleitet oder unterstützt der Kirchenkreis diese Arbeit?
Der Kirchenkreis hat zu Beginn eine Spende in Höhe von 300 Euro bereitgestellt. Darüber hinaus wird die Arbeit vor allem durch Öffentlichkeitsarbeit begleitet. Es gibt Einzel- und Gemeindespenden. Ich koordiniere das Projekt in Zusammenarbeit mit der Öffentlichkeitsarbeit des Kirchenkreises und schreibe regelmäßig kurze Berichte für den Newsletter. So können Menschen digital verfolgen, wofür die Spenden eingesetzt werden und was aktuell ansteht.
Zusätzlich habe ich versucht, ein Netzwerk von interessierten Frauen aufzubauen, die den Newsletter vorab in Textform und mit Fotos erhalten und die Informationen in ihre Gemeinden weitertragen. Auf diese Weise sind weitere Spenden aus dem Kirchenkreis zusammengekommen. Im vergangenen Jahr belief sich die Spendensumme auf etwa 4.500 Euro, die ich in fünf Teilbeträgen an den Verein überwiesen habe. Das entspricht ungefähr 5.000 US-Dollar
Welche Herausforderungen bringt diese Arbeit mit sich?
Ich finde den Mut dieses kleinen Vereins sehr bemerkenswert. Die Bethel Society stellt sich aus einer tiefen Glaubensgewissheit heraus der Aufgabe, ältere Menschen zu begleiten – mental, psychisch und ganz praktisch, immer verbunden mit Gebet und Andacht.
Wir leben hier in einer sicheren und reichen Gesellschaft, auch wenn es auch bei uns Armut gibt. Doch das ist nicht vergleichbar mit der Situation in einem Land, das kaum noch funktionierende Systeme kennt: keine verlässliche Rentenversicherung, keine soziale Absicherung, keine Sicherheit. Die Menschen leben seit Jahrzehnten mit der ständigen Angst vor Bombenangriffen oder terroristischen Anschlägen.
Unter diesen Bedingungen bewusst zu sagen: Wir kümmern uns um eine Gruppe, die sonst niemand mehr im Blick hat – nämlich alte Menschen – das empfinde ich als ein großes Glaubenszeugnis und als Vorbild für uns hier.
Gab es einen Moment, der Sie besonders bewegt hat?
Ja. Ich stehe mit Marie Maalouli in engem Kontakt – über WhatsApp und E-Mail. Im November hat sie mir eine Sprachnachricht geschickt, in der sie sehr offen von ihrer Erschöpfung sprach: Sie schläft schlecht, ist ständig müde und weiß oft nicht, wie sie finanziell durch den Monat kommen soll. Da aktuell kaum Touristen in den Libanon reisen, hat sie auch keine Einnahmen mehr aus ihrer Arbeit als Reiseleiterin.
Sie sagte mir: Wenn ich nicht bei der Bethel Society wäre und meine Arbeit für die alten Menschen tun würde, wäre ich längst aus dem Libanon weg. Das hat mich sehr berührt. Sie sehnt sich nach Sicherheit, nach Frieden und nach einem guten Leben – und bleibt dennoch, weil sie diesen Dienst hat. Sie spricht bewusst von ihrem „Dienst“, den sie für Jesus tut.
Was motiviert Sie persönlich, sich für dieses Projekt einzusetzen?
Ich habe beruflich viele Jahre als Vorstand des Martinshofes gearbeitet und dabei die organisierte Altenhilfe in Deutschland gut kennengelernt – einschließlich der finanziellen Herausforderungen, insbesondere im ambulanten Bereich. Gerade deshalb berührt mich die Arbeit, die Marie Maalouli im Libanon leistet, besonders.
Dort gibt es keinerlei staatliche Unterstützung. Trotzdem sagt sie: Ich habe gesehen, wie Altenhilfe bei euch funktioniert, und ich möchte – trotz fehlender staatlicher Hilfe – etwasÄhnliches aufbauen. Das empfinde ich als sehr mutig und glaubensstark. Alte Menschen gelten auch bei uns oft eher als Belastung des Sozialsystems, obwohl sie ein Leben lang einen wichtigen Beitrag für die Gesellschaft geleistet haben. Dieses Engagement verbindet mich innerlich sehr mit Marie und ihrer Arbeit.
Was wünschen Sie sich für die Zukunft der Zusammenarbeit?
Ich wünsche mir, dass Marie Maalouli und die Bethel Society eine stärkere institutionelle Anbindung finden – vielleicht an eine Kirchengemeinde oder an eine Organisation wie den CVJM, den es auch im Libanon gibt. Eine solche Anbindung könnte Entlastung bringen, damit die Verantwortung nicht allein auf ihren Schultern lastet.
Außerdem wünsche ich mir, dass wir in unserer Region – in der Schlesischen Oberlausitz und darüber hinaus – weitere Unterstützerinnen und Unterstützer für diese wichtige Arbeit gewinnen, die sich um ältere Menschen kümmert, die sonst kaum gesehen werden.
Danke für das Gespräch.
Interview führte Malgorzata Pyzik
