Mit Blick auf den Ruhestand erzählt Pfarrerin Christiane Mantschew, was ihren Dienst geprägt hat: Menschen zusammenzubringen, sie zu ermutigen und ihnen zuzutrauen, Gemeinde selbst zu gestalten.

Welcher Leitgedanke hat deinen Dienst als Pfarrerin geprägt?
Ich wollte immer als Pastorin ansprechbar für alle Menschen vor Ort sein – ob sie zur Kirche gehören oder nicht.
Zugleich war es nötig, dass die Arbeit in der Kirchengemeinde von möglichst vielen getragen wird. So habe ich nach Möglichkeiten gesucht, Menschen einzubeziehen und sie zu ermutigen, sich selbst zu beteiligen. Das war mir von Anfang an besonders wichtig.
Du bezeichnest dich selbst als Ideengeberin und Motivatorin. Was bedeutet das für dich?
Ich habe Ideen eingebracht, von denen ich überzeugt war – weil sie die Gemeinde voranbringen oder Menschen zusammenführen konnten. Verwirklichen ließ sich das aber nur gemeinsam mit anderen. Ich habe mich nicht als diejenige verstanden, die alles allein macht oder vorgibt, was geschehen soll. Es war mir wichtiger, zu inspirieren, zu begründen, Mut zu machen und auch bei Widerständen dranzubleiben.
Entscheidend ist für mich jedoch, dass aus einer Idee eine gemeinsame Sache wird.
Wo ist dieses gemeinsame Gestalten besonders sichtbar geworden?
Als ich kam, gab es in Gebelzig und Groß Radisch keinen Chor, aber viele singfreudige Menschen. Ich habe gleich einen Chor gegründet – das war ein wunderbarer Einstieg und schuf eine verbindliche und frohe Gemeinschaft, die auch die Gottesdienste bereicherte. Schön waren außerdem gemeinsame Gottesdienste der damals drei selbstständigen Gemeinden Förstgen, Gebelzig und Groß Radisch sowie die Christnachtfeiern, zu denen am späten Abend oft 60, manchmal sogar 80 oder noch mehr Menschen kamen.
Auch der Umbau des alten Pfarrhauses in Gebelzig zu einem schönen Gemeindehaus war ein großes Gemeinschaftsprojekt.
Was hat die Gemeinde in schwierigen Zeiten getragen?
In mehreren Phasen habe ich erlebt, dass Herausforderungen eine Gemeinde auch stärken können. Während der Pflegezeit für meinen Vater zwischen 2017 und 2019 war ich zeitweise nur noch mit einer 30 % –Anstellung in meinen Gemeinden tätig. Mein Mann und andere Menschen aus der Gemeinde haben Verantwortung übernommen, Kontakte gehalten und vieles mitgetragen. Das war eine gute Erfahrung, die uns als Gemeinde weitergebracht hat: eine lebendige Gemeinde hängt nicht von einer einzelnen Person ab.
Auch die Corona-Zeit war schwierig und zugleich sehr erfüllt. Wir mussten ständig neu überlegen, was möglich ist und wie Gemeindeleben weitergehen kann. Besonders eindrücklich war Heiligabend: Auf meine Bitte hin gestalteten Gemeindemitglieder selbst kurze Andachten – ganz schlicht oder mit einem kleinen Krippenspiel und verschiedenen Musikinstrumenten. In Förstgen gab es am Heiligabend 2020 zwischen Vormittag und Abend sechs, in Gebelzig vier und in Groß Radisch drei Andachten. Die Menschen waren begeistert, dass sie trotz aller Einschränkungen am Heiligabend in die Kirche gehen konnten.
Eine weitere Herausforderung war die Zusammenlegung der Gemeinden zum 1. Januar 2025. Da war bei Vielen die Sorge groß, dass mit dem Verlust der rechtlichen Selbständigkeit als Kirchengemeinde auch das Gemeindeleben und die Spendenbereitschaft „den Bach runter geht“. Inzwischen haben wir überwiegend positive Erfahrungen gesammelt: dass es z.B. für manche Vorhaben alle verfügbaren Kräfte und Ressourcen braucht. Und genauso wichtig ist, dass sich Menschen für ihre Kirche in ihrem Ort engagieren, da, wo sie sich zuhause fühlen.
Kurz vor deinem Ruhestand hast du noch ein Gottesdienstteam angeregt. Warum war dir das wichtig?
Zu unserem Team gehören inzwischen 10 Menschen. Sie haben bereits mehrere Gottesdienste zu zweit oder zu dritt gestaltet. Ich begleite den Prozess, aber die Verantwortlichen entscheiden selbst, wie der Gottesdienst sein soll. Nach Proben und gemeinsamen Auswertungen sind schon wirklich schöne Gottesdienste entstanden.
In unserem Team sage ich manchmal: „Bitte nicht, den Pfarrer oder die Pfarrerin nachahmen!“ Jede und jeder hat von Gott Gaben und Fähigkeiten mitbekommen und hat daran gearbeitet und Lebenserfahrung gesammelt – und das darf er einbringen: in einem Gottesdienst oder einer anderen Aufgabe. Damit beschenkt er die Gemeinde und Gott.
Und fühlt sich selbst beschenkt!
Mich begeistert, wie viel Freude es den Beteiligten macht, den Glauben in einer Form auszudrücken, die sie selbst verstehen. Auch darin sehe ich meine Aufgabe: Menschen etwas zuzutrauen, sie zu ermutigen und dabei zu begleiten.
Wenn man dir begegnet, spürt man eine innere Ruhe. Woher schöpfst du Kraft?
Mich trägt die Erfahrung von Gottes Liebe und Gegenwart. Im Pfarramt steht man manchmal allein da – auch mit Entscheidungen oder mit Dingen, über die man wegen der Schweigepflicht nicht sprechen kann. Das alles mit Gott teilen und bei ihm Ruhe finden zu können, ist für mich eine große Kraftquelle.
Ich weiß, dass ich nicht alles selbst in der Hand habe. Vieles ist mir geschenkt worden – durch Gott, durch die Gedanken, Gebete und Hände anderer Menschen. Manchmal wurde mir erst später klar: Gott hat mich geführt. Es gab Glücksmomente und tiefe Augenblicke des Vertrauens, in denen ich spürte: Du bist auf einem guten Weg, du bist an der richtigen Stelle.
Welche Rolle spielen Gebet und Meditation dabei?
Eine große. Bis 2013 habe ich eine dreijährige Ausbildung zur Meditationsleiterin absolviert. Danach bot ich einmal im Monat meditative Abendfeiern an. Auch sonst sind mir stille Elemente in meinen Gottesdiensten wichtig. Die Stille tut mir gut. Und das sagen auch andere von der Stille, die sie in der Kirche erleben.
Was wünschst du der Gemeinde für die Zukunft?
Dass die Menschen nicht den Mut verlieren und ihnen wichtig ist, dass die „Kirche im Dorf bleibt“. Dass sie aber auch Kontakt suchen zu benachbarten Gemeinden und miteinander etwas machen.
Ein wichtiger Grundsatz meines Meditationsleiter-Ausbilders Wolfgang Bittner lautet: Was nicht in der Gemeinde oder durch die Gemeinde geschieht, geschieht in Wirklichkeit nicht.
Ich halte gerne die Fäden in der Hand, freue mich jedoch immer, wenn jemand eine Aufgabe übernimmt, der dafür viel besser geeignet ist als ich und auch noch andere möglichen Mitstreiter anspricht. Das schenkt mir mehr Zeit für meine Kernaufgaben.
Und welche Pläne hast du für den Ruhestand?
Noch keine konkreten. Ich möchte zunächst eine Pause machen und mich gemeinsam mit meinem Mann am neuen Ort einleben. Vielleicht werde ich wieder in einem Chor singen und begleite –wenn möglich- das Gottesdienstteam noch eine Weile. Und dann schaue ich mal, wo es mich frisch und neu hinzieht.
