Ein Gespräch mit Herrn Skala über historische Kronleuchter in den Kirchen der Oberlausitz
Zur Person
Harald Skala, 1935 im böhmischen Schatzlar, dem heutigen Žacléř in Tschechien, geboren, lebt in Obercunnersdorf. Seit vielen Jahren erforscht er die Militärgeschichte der Habsburgermonarchie, Genealogie und die historischen Kronleuchter der Oberlausitz. 2017 erschien sein Buch „Es werde Licht! Kronleuchter in evangelisch-lutherischen Dorfkirchen der südöstlichen Oberlausitz“. Sein neuer Band „Ad lumen. Kronleuchter in Oberlausitzer Kirchen“ stellt auf 114 Seiten und mit rund 100 Fotografien 43 Kronleuchter aus 18 Kirchen vor. Die Buchvorstellung fand am 16. September 2026 in der Christian-Weise-Bibliothek – Altbestand in Zittau statt.
Interview (durchgeführt von Małgorzata Pyzik)
Wie begann Ihre Beschäftigung mit historischen Kronleuchtern – und wie entstand das zweite Buch?
Am Anfang stand die Unterstützung von Pfarrer Witkowski. Gemeinsam suchten wir in Kirchenarchiven nach Hinweisen zur Herkunft der Leuchter, unter anderem in Kottmarsdorf, Niedercunnersdorf und Obercunnersdorf. In Kottmarsdorf fanden wir sogar eine Rechnung für den dortigen Leuchter. Er stammte von der Firma Reinhold Palme Söhne aus Haida (heute Nový Bor/CZ). Als wir diese ersten Ergebnisse zusammengetragen hatten, sagte Pfarrer Witkowski zu mir: Sie wissen inzwischen schon so viel über Kronleuchter – möchten Sie nicht noch weiterforschen? So bin ich tiefer in das Thema hineingekommen.
Ich begann, meine Erkenntnisse aufzuschreiben. Schließlich fand sich mit dem Oberlausitzer Verlag in Spitzkunnersdorf ein Verlag, der bereit war, das Manuskript zu drucken. So entstand 2017 mein erstes Buch „Es werde Licht!“. Einige Exemplare erhielt ich selbst und gab sie an die beteiligten Pfarrer und Kirchengemeinden weiter, andere wurden verkauft oder gelangten in Bibliotheken. Was später mit dem restlichen Bestand geschah, weiß ich nicht, denn der Verlag wurde inzwischen aufgelöst.
Nach dem Erscheinen meldeten sich weitere Pfarrer bei mir. Auch Dr. Käthe Klappenbach aus Potsdam wurde auf meine Arbeit aufmerksam. Sie hat sich nahezu ihr ganzes Berufsleben mit Kronleuchtern beschäftigt, bei der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten gearbeitet und mehrere Fachbücher veröffentlicht – sowohl über kostbare Leuchter in preußischen Schlössern als auch über hölzerne Leuchter aus dem Erzgebirge. Außerdem gehört sie dem Vorstand der internationalen Gesellschaft Light and Glass an, die sich mit Kronleuchtern und Glaskunst beschäftigt.
Die Gesellschaft veranstaltet jedes Jahr ein Treffen in einem anderen Land, etwa in Spanien, Frankreich, den USA oder Deutschland. Bei einem Treffen in Tschechien lernte ich Frau Dr. Klappenbach persönlich kennen. Sie ermutigte mich, ein zweites Buch zu schreiben, erklärte sich bereit, die Einleitung zu verfassen, und prüfte das Manuskript fachlich.
Für den neuen Band war ich mit meiner Frau in zahlreichen Kirchen unterwegs. Dabei musste ich oft eine Leiter besteigen, denn nur aus der Nähe lassen sich kleine Konstruktionsmerkmale, Inschriften und die genaue Form der Behänge fotografieren. Das zweite Buch erschien im Selbstverlag. Die grafische Gestaltung übernahm ein befreundeter tschechischer Grafiker; gedruckt wurde es in Turnov/CZ.
Was fasziniert Sie an historischen Kronleuchtern?
Viele dieser Leuchter haben eine Verbindung zu Böhmen, wo ich bis 1969 lebte. Böhmen ist seit Jahrhunderten für seine Glaskunst bekannt; böhmisches Glas ist in der ganzen Welt berühmt. Bei zahlreichen Kronleuchtern aus der Oberlausitz stammen zumindest die Glasbehänge aus Nordböhmen. Mich interessiert, wie sich Formen, Werkstätten und regionale Handelswege an einzelnen Details ablesen lassen.
Bei meinen Nachforschungen entstand nach und nach ein Netzwerk. Oft empfahl mir ein Pfarrer die nächste Kirche oder stellte den Kontakt zu einer anderen Gemeinde her. Als ich an meinem ersten Buch arbeitete, traf ich in der Kirche von Eibau zufällig einen Restaurator aus Steinschönau (heute Kamenický Šenov/CZ), der gerade einen restaurierten Messingleuchter wieder aufhängte. Beim Ausbau hatte er eingeritzte Hinweise entdeckt, die Rückschlüsse auf die Herkunft und den Hersteller zuließen. Solche Spuren sind besonders wertvoll, weil sich damit die Geschichte eines Leuchters genauer nachvollziehen lässt.
Der Leuchter trägt außerdem vier Medaillons mit den Attributen der Evangelisten. Diese Motive habe ich später für die Rückseite meines zweiten Buches verwendet. Mit dem Restaurator blieb ich in Kontakt und half ihm, Aufträge in Deutschland zu bekommen, da er selbst kein Deutsch sprach. In Leutersdorf rekonstruierte er beispielsweise einen verlorenen Kronleuchter anhand einer historischen Fotografie aus dem Jahr 1910.
Wie gehen Sie bei Ihren Forschungen vor?
Zuerst suche ich im Internet nach Fotos und Hinweisen. Wenn ich dort einen interessanten Leuchter entdecke, versuche ich herauszufinden, welcher Pfarrer oder welche Kirchengemeinde zuständig ist, und frage, ob ich das Stück vor Ort untersuchen darf. In allgemeinen Kirchenbeschreibungen werden Glocken, Altäre, Wandmalereien, Fußböden und Orgeln häufig ausführlich behandelt – über Kronleuchter findet man dagegen erstaunlich wenig.
Hinweise können in Kirchenarchiven und älterer Literatur verborgen sein, doch manche Bestände wurden bereits ausgelagert. Deshalb ist die Untersuchung direkt am Objekt oft entscheidend. Auf einer Leiter lassen sich Inschriften, Herstellerzeichen und kleine Tafeln erkennen, die vom Boden aus unsichtbar bleiben. Manchmal beginnt die eigentliche Forschung also erst oben am Kronleuchter.
Hilfreich ist außerdem die Fachliteratur. Zu norddeutschen Messingleuchtern gibt es beispielsweise eine umfangreiche Dissertation mit vielen Fotografien von Kronleuchtern zwischen Rostock und Bremen. Solche Abbildungen kann ich mit den Leuchtern unserer Region vergleichen. Wiederkehrende Formen der Arme, Bekrönungen oder Behänge geben Hinweise auf Werkstätten, Entstehungszeiten und spätere Umbauten.
Ein besonderer Kronleuchter hängt in der Kirche von Waltersdorf: ein Messingleuchter mit einer Jupiterfigur als Bekrönung. Ein solches Motiv ist in unserer Region ausgesprochen selten; nach meinen bisherigen Beobachtungen ist es hier sogar einzigartig. Der Leuchter befand sich in sehr schlechtem Zustand. Fünf Jahre lang versuchte ich, den Pfarrer von einer Restaurierung zu überzeugen. Schließlich gelang es, und der Leuchter konnte am 26. August 2026 wieder aufgehängt werden.
Beispiele aus dem Kirchenkreis Schlesische Oberlausitz
St. Johanniskirche Reichenbach Oberlausitz
Auf Reichenbach stieß ich eher zufällig. Im Internet sah ich ein altes Foto der Kirche in Meuselwitz. An der Decke war ein gemalter runder Kranz mit einer Öffnung in der Mitte zu erkennen. Für mich war das ein deutlicher Hinweis darauf, dass dort früher ein Kronleuchter gehangen haben musste. Ich suchte deshalb nach dem zuständigen Pfarrer und kam so zu Pfarrer Wiesener in Reichenbach.
Auf meine Frage nach dem verschwundenen Meuselwitzer Leuchter konnte er mir zwar keine sichere Antwort geben. Er erzählte jedoch von einem kleinen Glasarmkronleuchter, der in der Sakristei der St. Johanniskirche in Reichenbach hing. Ich durfte ihn besichtigen und fotografieren. Ursprünglich befand er sich dort, wo heute wieder der Taufstein steht. Während einer Renovierung wurde das Taufbecken an seinen früheren Platz zurückgebracht; der restaurierte Kronleuchter kam daraufhin in die Sakristei.
Seine Konstruktion ist außergewöhnlich. Die Glasarme historischer Leuchter verlaufen normalerweise in einer S-Form. In Reichenbach sind sie dagegen U-förmig. Oben sitzt eine Messingmuffe, an der ein zweiter Arm befestigt ist, der sich wie ein Bischofsstab krümmt. Diese Kombination aus U-förmigem Unterarm und aufgestecktem, gebogenem Oberarm ist in der Oberlausitz nach meinem Wissen einmalig. Eine gewisse Ähnlichkeit besteht zu einem Leuchter aus Beiersdorf.
Bemerkenswert sind auch die seltenen Behänge in Form von Weintrauben und die sogenannten Pendeloquen. In der Oberlausitz kenne ich nur zwei oder drei Leuchter mit solchen Glasbehängen. Häufiger begegnen wir ihnen an besonders kostbaren Kronleuchtern in Schlössern, wie sie auch Dr. Käthe Klappenbach dokumentiert hat. Vergleichbare Weintraubenbehänge fand ich außerdem in einer Kirche im polnischen Cieplice.
Kirche Nieder Seifersdorf
Der Leuchter in Nieder Seifersdorf ist eine sogenannte Reifenkrone aus Messing. Seine Bekrönung zeigt einen Doppeladler. Die elektrischen Leitungen wurden erst später angebracht, denn ursprünglich war der Leuchter für Wachskerzen bestimmt. Besonders wichtig ist seine Inschrift. Sie besagt, dass der evangelische Jugendverein von Nieder Seifersdorf, Attendorf und Baarsdorf den Leuchter der Kirche im Jahr 1850 schenkte. Dadurch lässt er sich zuverlässig datieren.
Kirche Friedersdorf bei Sohland
Auch in Friedersdorf befinden sich drei sogenannte Reifenkronen. Eine davon hat 24 elektrische Kerzen auf zwei Ebenen. Diese Reifenkrone wurde bei der Renovierung aller drei Kronleuchter in den Jahren 2024–2025 umgehängt und befindet sich jetzt vor dem Altar. Herr Skala sieht Ähnlichkeiten zum Leuchter in Nieder Seifersdorf. Ob beide Leuchter aus derselben Werkstatt in Böhmen stammen, lässt sich anhand der bisherigen Hinweise jedoch nicht sicher feststellen.
Planen Sie weitere Forschungen?
Ich bin inzwischen 91 Jahre alt und nicht mehr so gut zu Fuß. Die Kronleuchterforschung war außerdem nie mein einziges Gebiet. Begonnen habe ich mit der Militärgeschichte, besonders mit dem Siebenjährigen Krieg. Dazu habe ich mehrere Beiträge für Fachzeitschriften in Tschechien und der Slowakei geschrieben und an Büchern mitgearbeitet. In ihnen habe ich mehrere Porträtgalerien von Offizieren beschrieben, die sich in Schlössern und Museen in der Slowakei, in Tschechien, Ungarn und Kroatien befinden. Mit diesen Themen beschäftige ich mich bis heute.
Was sehen Sie an einem Kronleuchter, das anderen vielleicht entgeht?
Inzwischen habe ich so viele Kronleuchter gesehen, dass mir bestimmte Formen und Details sofort bekannt vorkommen. Wenn ich ein neues Stück untersuche, erinnere ich mich oft an eine ähnliche Konstruktion in einer anderen Kirche. Dann beginnt die eigentliche Suche: Wo habe ich diese Armform, diesen Behang oder diese Bekrönung schon einmal gesehen? So war es auch bei dem U-förmigen Glasarm in Reichenbach. Durch solche Vergleiche entstehen Verbindungen zwischen einzelnen Objekten, Kirchen und möglichen Werkstätten.
Kronleuchter spenden nicht nur Licht, sondern erzählen auch Geschichten. Welche Entdeckung ist Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?
Bei Restaurierungen findet man zwischen den Bauteilen manchmal kleine Zettel. Sie liegen häufig gut verborgen zwischen den die Glasarme tragenden Holzkonsolen und den diese verdeckenden Glasschalen. Darauf stehen oft Namen von Stiftern und Kirchenvorständen, die Kosten früherer Reparaturen oder Hinweise darauf, wann und von wem ein Leuchter gereinigt wurde. Solche Notizen können beinahe wie kleine Zeitkapseln wirken.
In Spitzkunnersdorf entdeckte ich einen Zettel aus dem Jahr 1794, auf dem die damaligen Kirchenvorstände und weitere Namen verzeichnet waren. Andere Einträge dokumentierten Restaurierungen und deren Kosten. Ein Vermerk aus dem Jahr 1910 berichtete, dass der Kronleuchter von drei Frauen gereinigt worden war. Eine von ihnen hieß Selma Schedlich.
Durch einen Zufall fanden wir heraus, dass Selma Schedlich eine Vorfahrin einer Bekannten meiner Frau aus Obercunnersdorf war. Diese Entdeckung weckte ihr Interesse an der eigenen Familiengeschichte. Gemeinsam suchten wir in den Kirchenbüchern von Spitzkunnersdorf, fanden den Namen Schedlich in einer Heiratsurkunde und schließlich auch eine passende Taufurkunde.
Dort war der Familienname allerdings anders geschrieben. Die Spur führte nach Böhmen und zeigte, wie sich Namen über Generationen und Sprachgrenzen verändern konnten. Manchmal lässt sich über solche kleinen Dokumente auch feststellen, wer damals Pfarrer war oder welche Familien Verantwortung in der Gemeinde trugen. So kann ein unscheinbarer Zettel in einem Kronleuchter überraschende familiäre und örtliche Zusammenhänge sichtbar machen.
Das Buch „Ad lumen. Kronleuchter in Oberlausitzer Kirchen“ ist im Selbstverlag erschienen und kann direkt bei Herrn Skala per E-Mail an Diwie@t-online.de bestellt werden. Der Preis beträgt 11 Euro zuzüglich Versandkosten.


